Stürmische See braucht einen ruhigen Blick, keine lauten Durchhalteparolen.
Warum Haltung in der Krise wichtiger ist als jede Antwort
Ich war Anfang zwanzig. Teamleiter in einem großen Konzern in Hamburg. Großraumbüro, alle sitzen zusammen – der Chef hatte ein eigenes Büro im angrenzenden Flur. Man konnte über Eck sehen, wenn er dort saß.
Als die Zahlen schlechter wurden, passierte etwas Merkwürdiges.
Er war der Erste im Büro. Der Letzte, der ging. Telefon, Laptop, Unterlagen – er hat sichtbar gekämpft. Für uns, vermutlich. Aber er kam nicht mehr raus. Hin und wieder eine Mail. „Wir arbeiten daran.“ „Alles im Griff.“ Gut gemeint, keine Frage.
Nur: Wir haben nicht auf die Mails geachtet. Wir haben über Eck geschaut. Und die Person dahinter – die war zwar körperlich da, aber als Mensch hatte sie sich längst zurückgezogen.
Das Team hat das gespürt. Sofort. Ohne dass jemand darüber gesprochen hätte.

Was in Ihrem Team gerade passiert – ob Sie es wollen oder nicht
In ruhigen Zeiten ist Führung vergleichsweise einfach. Da reicht Verwalten. Strukturen funktionieren, Prozesse laufen, das Team arbeitet.
Aber wenn der Umsatz wackelt, eine Reorganisation droht oder ein wichtiger Kunde abspringt, verändert sich etwas Grundlegendes im Team. Ihre Mitarbeiter hören auf, Ihnen zuzuhören. Sie fangen an, Sie zu beobachten.
Nicht was Sie sagen. Wie Sie sich verhalten.
Das ist keine Frage von Loyalität oder Misstrauen. Es ist ein evolutionär tief verankerter Mechanismus. Menschen in unsicheren Situationen orientieren sich an den Signalen anderer – besonders an denen, die Verantwortung tragen. Die Sozialpsychologie nennt das soziale Referenzierung: Wenn die Situation unklar ist, schauen wir auf das Verhalten der Bezugsperson, um unsere eigene Reaktion zu kalibrieren.
Ein Kleinkind, das hinfällt und unsicher ist, ob es weinen soll, schaut zuerst zur Mutter. Lächelt sie beruhigend, steht das Kind auf und macht weiter. Erschrickt sie, bricht das Kind in Tränen aus.
Führungskräfte in der Krise sind diese Bezugsperson. Ob sie es wollen oder nicht.
Der Unterschied zwischen Anwesenheit und Präsenz
Das ist der Punkt, den mein damaliger Chef nicht verstanden hat – und den viele Führungskräfte bis heute unterschätzen.
Anwesenheit ist physisch. Sie sind im Büro, im Meeting, im Verteiler der Mail.
Präsenz ist menschlich. Sie sind als Person spürbar. Zugänglich. Verankert.
Man kann der Erste sein, der kommt, und der Letzte, der geht – und trotzdem für das Team unsichtbar sein. Weil man sich hinter Aufgaben, Zahlen, Türen und Durchhalteparolen versteckt.
Was passiert dann? Das Team füllt die Leerstelle. Und zwar nicht mit dem Besten, was es sich vorstellen kann – sondern mit dem Schlimmsten.
Das ist keine Bosheit, das ist Psychologie. Der Mensch ist von Natur aus ein Risikominimierer. Unklare Signale werden als Bedrohung interpretiert. Wenn die Führungskraft schweigt oder sich entzieht, läuft im Kopf der Mitarbeiter automatisch ein Worst-Case-Szenario ab: Der weiß selbst nicht mehr weiter. Es ist schlimmer, als man uns sagt. Ich sollte anfangen, mich umzuschauen.
Wer sich fragt, wie aus einzelnen Worst-Case-Gedanken handfeste Teamkonflikte werden, findet in meinem Artikel über das Glasl’sche Konfliktmodell eine präzise Landkarte dafür. Keine dieser Gedanken entsteht aus böser Absicht. Sie entstehen aus dem Vakuum, das entsteht, wenn Präsenz fehlt.
Was Krisen mit Führungskräften machen – und warum das so schwer zu durchbrechen ist
Bevor ich zu den konkreten Empfehlungen komme, ein ehrliches Wort: Das Verhalten meines damaligen Chefs war menschlich völlig verständlich.
Unter starkem Druck zieht sich das Nervensystem zurück. Der präfrontale Kortex – der Teil des Gehirns, der für soziale Kognition, Empathie und langfristiges Denken zuständig ist – arbeitet unter Stress weniger effizient. Stattdessen übernehmen ältere, reaktive Hirnareale das Kommando. Fight, Flight oder Freeze.
Viele Führungskräfte in der Krise wählen unbewusst Flight – nicht physisch, aber sozial. Sie ziehen sich hinter Aufgaben zurück, weil das Kontrollierbar ist. E-Mails beantworten, Zahlen analysieren, Berichte schreiben. Das fühlt sich nach Handlung an. Nach Kontrolle. Nach Verantwortung.
Gleichzeitig ist genau das der Moment, in dem das Team sie am dringendsten als Menschen braucht – nicht als Funktion.
Dieser Widerspruch ist der eigentliche Kern der Führungskrise in der Krise.
Fünf konkrete Handlungsempfehlungen für Führungskräfte unter Druck
1. Sichtbar bleiben – physisch und menschlich
Kommen Sie raus. Buchstäblich. Wenn Sie ein eigenes Büro haben: Verlassen Sie es öfter als sonst, nicht seltener. Laufen Sie durch den Raum. Holen Sie sich Kaffee beim Team. Bleiben Sie kurz stehen.
Das klingt trivial. Es ist es nicht. Sichtbarkeit signalisiert: Ich bin noch da. Ich laufe nicht weg. Das allein stabilisiert das Team mehr als jede optimierte Krisenkommunikations-Mail.
2. Kommunizieren Sie, was Sie wissen – und was Sie nicht wissen
Der häufigste Fehler in der Krise: Führungskräfte warten, bis sie alle Antworten haben. Dann kommunizieren sie. Das Problem: Bis dahin hat das Team längst seine eigene Version der Realität konstruiert.
Besser: Kommunizieren Sie früh, auch wenn Sie noch keine Lösung haben. „Wir sind in einer schwierigen Situation. Ich habe noch nicht alle Antworten. Aber ich halte euch auf dem Laufenden, sobald sich etwas klärt.“ Das ist keine Schwäche. Das ist Vertrauen.
Wie Sie in aufgeheizten Situationen kommunizieren, ohne selbst zum Brandbeschleuniger zu werden, beschreibe ich in meinem Artikel über Grey Rock als Kommunikationsstrategie.
Der entscheidende Unterschied zur Durchhalteparole: Sie behaupten nicht, dass alles in Ordnung ist. Sie zeigen, dass Sie präsent sind.
3. Regulieren Sie sich – bevor Sie ins Team gehen
Das ist der unangenehmste Punkt, deshalb kommt er an dritter Stelle: Ihre eigene emotionale Verfassung ist der wichtigste Einflussfaktor auf die Teamstimmung.
Soziale Referenzierung funktioniert in beide Richtungen. Wenn Sie in der Krise Ruhe ausstrahlen, überträgt sich das. Wenn Sie Panik, Erschöpfung oder Resignation ausstrahlen, überträgt sich das auch – und zwar schneller und nachhaltiger.
Das bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken oder Situation schönzureden. Es bedeutet: Sorgen Sie dafür, dass Sie in einem Zustand sind, in dem Sie als Anker taugen, bevor Sie mit dem Team interagieren. Kurze Auszeit. Bewusstes Atmen. Gespräch mit einem Mentor oder Coach. Was auch immer für Sie funktioniert – tun Sie es, bevor Sie den Raum betreten.
Wahre Souveränität bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern sie nicht ungefiltert weiterzugeben. In meinem begleitenden Artikel zu Führung in der Krise zeige ich Ihnen drei konkrete Schritte für Ihre innere Stabilität.
4. Stellen Sie Fragen statt Antworten zu liefern
In der Krise glauben viele Führungskräfte, sie müssten Antworten liefern. Das Team erwartet Lösungen. Also muss man Lösungen haben.
Das stimmt nicht. Was das Team erwartet, ist das Gefühl, dass jemand das Steuer in der Hand hält. Und das können Sie auch durch Fragen erzeugen.
„Was braucht ihr gerade von mir, um gut arbeiten zu können?“ „Wo hakt es konkret?“ „Was habt ihr in den letzten Tagen beobachtet?“
Diese Fragen erfüllen zwei Funktionen: Sie liefern Ihnen echte Informationen aus dem Team. Und sie signalisieren: Ich interessiere mich für euch. Ich höre zu. Ich bin nicht in meinem Kopf verschwunden.
Wo allerdings die Grenze liegt zwischen echtem Zuhören und dem unbewussten Übernehmen von Problemen, die im Team bleiben müssen, zeige ich in meinem Artikel über Rückdelegation und den Umgang mit Affen.
Und wenn die Stille entsteht, die nach einer guten Frage oft folgt – halten Sie sie aus. Warum diese sieben Sekunden mehr bewirken als jede vorbereitete Antwort, lesen Sie hier: Sieben Sekunden Stille.
5. Seien Sie konsequent – nicht perfekt
Führung in der Krise wird nicht daran gemessen, ob Sie immer die richtigen Entscheidungen treffen. Sie wird daran gemessen, ob Sie verlässlich sind.
Sagen Sie um 10 Uhr ein kurzes Update zu, halten Sie es um 10 Uhr. Versprechen Sie keine Informationen, die Sie nicht haben. Erscheinen Sie bei dem Meeting, das Sie angesetzt haben. Brechen Sie nichts ohne Erklärung ab.
Verlässlichkeit ist die Basis von Vertrauen. Und Vertrauen ist in der Krise die einzige Währung, die noch zählt.
Damals haben wir es übrigens geschafft
Der Bereich wurde ausgegliedert, reorganisiert – und hat überlebt. Heute ist er wieder fester Teil des Konzerns.
Ob es besser gelaufen wäre, wenn der Chef anders geführt hätte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, was in diesen Wochen im Team passiert ist. Die innere Kündigung, die bei einigen begann. Die Gerüchte, die sich verselbständigten. Die guten Leute, die anfingen, sich umzuschauen.
Die Lehre, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, sitzt tiefer als jede Führungsschulung seitdem:
Glaub nicht, was sie sagen.
Schau, wie sie sich verhalten.
Das gilt für die Führungskräfte, die ich damals beobachtet habe. Und es gilt für mich selbst, jeden Tag aufs Neue.
Haltung ist keine Eigenschaft – sie ist eine Entscheidung
Haltung entsteht nicht im Seminarraum. Sie entsteht in dem Moment, in dem es schwierig wird – und Sie trotzdem sichtbar bleiben.
Sie müssen nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Sie müssen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Aber Sie müssen als Mensch greifbar bleiben – nicht nur als Funktion, die Mails verschickt und Türen schließt.
Atmen Sie durch. Richten Sie den Kompass aus.
Und wenn Sie merken, dass Sie sich hinter Aufgaben verstecken – kommen Sie raus. Buchstäblich.
Ihre Ruhe ist der Anker für Ihr Team. Das ist keine Metapher. Das ist Ihre wichtigste Führungsaufgabe in der Krise.
Sie stehen selbst gerade in einer Phase, in der Führung schwer ist? Oder Sie merken, dass Ihr Team gerade abdriftet – ohne dass Sie wissen warum? Ich arbeite mit Führungskräften in technischen Organisationen, die genau das durchmachen.
