BIM-Kooperation: Warum der digitale Zwilling an analoger Haltung scheitert

Vom Bauhelm zum digitalen Zwilling

Wir erleben in der Baubranche gerade ein faszinierendes Paradoxon. Technisch sind wir in der Lage, hochkomplexe Infrastrukturen – von der Talbrücke bis zum Klinikum – als digitalen Zwilling (BIM) perfekt zu simulieren. Die Software erkennt jede Kollision zwischen einem Lüftungskanal und einem Unterzug, noch bevor der Bagger anrollt.

Doch sobald das Projekt startet, erleben wir oft das Gegenteil von Perfektion: Nachtragsmanagement, Schuldzuweisungen, Behinderungsanzeigen.

Mein Zugang zu diesem Thema ist nicht akademisch. Ich habe das Handwerk von der Pike auf gelernt. Nach meiner Ausbildung bei Siemens stand ich als Monteur selbst auf den großen Baustellen – etwa beim Bau der „Fleetinsel“ in Hamburg (Steigenberger Hotel) oder in den riesigen Fertigungshallen von Airbus in Finkenwerder.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn der Plan im Büro perfekt aussieht, aber vor Ort das Bauteil nicht passt, weil ein anderes Gewerk im Weg ist. Ich kenne den rauen Ton, aber auch das pragmatische „Sich-Arrangieren“ derer, die draußen schaffen.

Als ich dann 2019 begann, Teams in großen BIM-Projekten strategisch zu begleiten, wurde mir eines schnell klar: Das Problem ist nie die Schnittstelle der Software. Das Problem ist die Schnittstelle zwischen den Ohren der Beteiligten.

Dieser Artikel analysiert, warum wir digitale Werkzeuge oft noch mit alten, analogen Denkmustern bedienen – und wie wir die vier Stufen der Zusammenarbeit wirklich meistern.


Exkurs: Was ist eigentlich BIM?

(Für alle, die nicht aus der Baubranche kommen)

BIM (Building Information Modeling) ist die Methode, ein Bauwerk erst virtuell und dann real zu bauen. Alle Planer (Architektur, Statik, Technik) arbeiten in einem gemeinsamen 3D-Modell.

Die Theorie: Totale Transparenz und Fehlervermeidung.

Die Praxis: Transparenz erzeugt Angst. Wer sein Wissen teilt, macht sich angreifbar. Deshalb ist BIM in erster Linie kein IT-Projekt, sondern ein psychologischer Veränderungsprozess.

Eine Gruppe von Holzfiguren steht vor einem großen Bildschirm, der ein digitales 3D-Brückenmodell (BIM-Modell) zeigt. Ein Teammitglied zeigt auf ein Detail. Symbolbild für digitale Zusammenarbeit am Bau.

Die Anatomie der Zusammenarbeit

Um zu verstehen, warum Projekte knirschen, lohnt sich ein Blick auf die Reifegrade der Interaktion. Ich unterscheide hierbei strikt zwischen dem sichtbaren Verhalten und der dahinterliegenden Haltung.

Stufe 1: Kommunikation (Der Postbote)

Dies ist die Basisstufe. Informationen werden ausgetauscht. Pläne werden auf Server geladen. E-Mails werden geschrieben.

  • Das Verhalten: „Ich habe Ihnen die Datei gesendet.“
  • Die Haltung: „Ich habe meine Pflicht getan. Wenn du die Info nicht liest oder verstehst, ist das dein Problem.“
  • Das Risiko: Es entstehen Datenfriedhöfe. Sender und Empfänger prüfen nicht, ob das Verständnis synchronisiert wurde.

Stufe 2: Koordination (Das Silo-Management)

Hier befinden sich heute die meisten BIM-Projekte. Wir stimmen uns ab, um Konflikte zu vermeiden. In der Fachsprache heißt das „Clash Detection“ (Kollisionsprüfung).

  • Das Verhalten: Ich plane meine Trasse so, dass sie deine Trasse nicht berührt. Wir takten unsere Zeitpläne, damit wir uns auf der Baustelle nicht im Weg stehen.
  • Die Haltung: „Ich halte meinen Bereich sauber. Ich sorge dafür, dass mein Gewerk mangelfrei bleibt und ich keine Haftungsprobleme bekomme.“
  • Das Problem: Es ist ein geordnetes Nebeneinander. Jeder optimiert sein eigenes Gewerk, aber niemand optimiert das Gesamtprojekt. Sobald eine Störung von außen kommt (Lieferengpass, Wetter, Planungsänderung), bricht das System zusammen, weil keiner sich für das Ganze verantwortlich fühlt.

Stufe 3: Kooperation (Die Hilfeleistung)

Hier beginnt der kulturelle Wandel. Wir verlassen das Silo, um anderen zu helfen.

  • Das Verhalten: Der Rohbauer wartet zwei Stunden, damit der Elektriker noch seine Leerrohre legen kann – obwohl er vertraglich nicht müsste.
  • Die Haltung: „Ich unterstütze dich, damit du dein Ziel erreichst (und wir alle schneller fertig sind).“
  • Der Gewinn: Die Stimmung auf der Baustelle verbessert sich massiv. Reibungsverluste sinken. Doch bei harten Geld-Verteilungskämpfen stößt die Kooperation oft an ihre Grenzen („Wer zahlt mir das?“).

Stufe 4: Kollaboration (Die Verschmelzung)

Dies ist die „Champions League“, die BIM eigentlich fordert. Hier arbeiten Auftraggeber (AG) und Auftragnehmer (AN) nicht mehr als Gegener, sondern als eine Einheit am Modell.

  • Das Verhalten: Wir lösen ein Problem gemeinsam, völlig unabhängig davon, wer es verursacht hat. Wir suchen die beste Lösung für das Projekt, nicht die billigste für mein Gewerk.
  • Die Haltung: „Es gibt nicht mehr dein Problem oder mein Problem. Es gibt nur noch unser Projekt.“
  • Die Realität: Diese Stufe erreichen wir nur, wenn psychologische Sicherheit herrscht. Wenn Fehler zugegeben werden dürfen, ohne dass sofort der Anwalt droht.

Wie kommen wir dahin?

Der Sprung von Stufe 2 (Silo) auf Stufe 4 (Team) passiert nicht durch einen Vertragsparagraphen. Er muss erlebt werden. Meine Erfahrung aus der Begleitung von ARGE-Verbünden (Brücken, Tunnel) zeigt: Wenn wir Menschen, die sonst in Vertrags-Korsetten stecken, in eine Simulation bringen, ändert sich die Dynamik.

Oft höre ich vorher die Frage: „Herr Braun, wer übernimmt eigentlich die Kosten für diesen Workshop-Tag, der steht nicht im Leistungsverzeichnis?“ Meine Antwort als ehemaliger Monteur und heutiger Berater ist immer dieselbe: Ein einziger Konflikt auf der Baustelle, der nicht eskaliert, sondern partnerschaftlich gelöst wird, spart mehr Geld als dieser gesamte Tag kostet.

In meinen Workshops nutzen wir Szenarien, die den Projektablauf im Zeitraffer simulieren.

  1. Die Teams starten oft im „Kampfmodus“ (Stufe 2).
  2. Sie scheitern an der Komplexität.
  3. Sie erkennen: „Alleine gewinnen wir hier nicht.“
  4. Sie ändern ihre Strategie hin zur Kollaboration (Stufe 4).

Dieser Aha-Effekt – das emotionale Erleben, dass Kooperation nicht „nett“, sondern „wirtschaftlich überlebenswichtig“ ist – ist der Hebel.


Fazit: Technik braucht Menschlichkeit

BIM ist zu 10% Technologie und zu 90% Soziologie. Wenn Sie wollen, dass Ihr digitales Modell in der Realität funktioniert, müssen Sie in die „Schnittstellenkompetenz“ Ihrer Mannschaft investieren.

Starten Sie Ihr nächstes Großprojekt nicht nur mit einem technischen Kick-off, sondern mit einer kulturellen Synchronisierung.

Ihr Werkzeug für den Start: Ich habe das Konzept für diesen spezifischen Workshop-Ansatz in einem One-Pager zusammengefasst. Er zeigt Ihnen, wie Sie Auftraggeber und Auftragnehmer an einen Tisch bekommen, bevor der erste Grabenkampf entsteht.

👉 Download: Workshop-Konzept BIM-Kooperation