Clash Prevention – Warum die teuersten Kollisionen in keinem 3D-Modell stehen

Kennen Sie dieses Gefühl der trügerischen Sicherheit? Sie schauen auf den großen Monitor im Baubüro. Das BIM-Modell (Building Information Modeling) leuchtet in beruhigenden Farben. Der „Clash Detection“-Report ist sauber. Die Software bestätigt: Kein Lüftungskanal durchstößt einen Stahlträger. Keine Wasserleitung kollidiert mit der Elektrozuleitung. Technisch ist das Gebäude perfekt.

Und trotzdem stehen wir sechs Monate später im Verzug, die Nachträge stapeln sich, und die Anwälte schreiben sich Briefe.

Was ist passiert? Wir haben Millionen in die geometrische Kollisionsprüfung investiert. Wir wissen auf den Millimeter genau, wo Materie auf Materie trifft. Aber wir haben keinen Cent in die psychologische Kollisionsprüfung investiert. Wir haben ignoriert, wo Ego auf Ego, Interesse auf Interesse und Angst auf Budgetdruck trifft.

In diesem Artikel zeige ich Ihnen, warum die „Soft Clashes“ (die weichen Faktoren) am Ende die härtesten Kosten verursachen – und wie Sie diese genauso systematisch managen können wie ein IFC-Modell.

Holzfiguren vor einem digitalen BIM-Modell mit roter Warnleuchte. Symbolbild für psychologische Clash Detection und Konflikte im Baumanagement.
Während die Software Kollisionen im Rohrnetz findet (Hard Clash), bleiben zwischenmenschliche Konflikte (Soft Clash) oft unentdeckt – bis es teuer wird.

Der blinde Fleck der BIM-Manager

BIM verkauft uns einen Traum: „Wenn wir alle Daten haben, machen wir keine Fehler mehr.“ Das ist eine gefährliche Illusion. Ich sage das nicht als Theoretiker. Ich habe als Monteur bei Siemens auf Großbaustellen gelernt, dass Papier (oder heute: Tablets) geduldig sind. Ein Plan ist eine Absichtserklärung. Die Baustelle ist die Realität.

Das Problem ist: Software wie Solibri oder Navisworks folgt der Logik der Physik.

  • Zwei Objekte können nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein. -> Alarm.

In der Zusammenarbeit gilt diese Logik nicht. Hier herrschen Politik, Status und wirtschaftliche Zwänge.

  • Der Architekt will Ästhetik.
  • Der TGA-Planer will Funktionalität.
  • Der GU will Marge. Diese Interessen kollidieren ständig. Aber diese Kollisionen erzeugen im Modell keine rote Warnleuchte. Sie erzeugen Schweigen, passive Aggression oder „Dienst nach Vorschrift“.

Die Ökonomie des Streits: Hard Clashes vs. Soft Clashes

Lassen Sie uns das mal kaufmännisch betrachten.

Szenario A: Der Hard Clash (Geometrie)

Ein Rohr kollidiert im Modell mit einer Wand.

  • Lösung: Der TGA-Planer verschiebt das Rohr im Modell um 10 cm.
  • Aufwand: 15 Minuten Arbeitszeit.
  • Kosten: Vielleicht 50 Euro Planungskosten.

Szenario B: Der Soft Clash (Mensch)

Der Bauleiter des Rohbaus fühlt sich vom Architekten arrogant behandelt („Der hört mir nicht zu“). Er sieht ein Problem im Ablauf, sagt aber nichts („Soll der Studierte doch sehen, wie er das löst“). Das Problem tritt erst beim Betonieren auf. Baustopp.

  • Lösung: Rückbau, Neuplanung, Nachtragsverhandlung, Schuldzuweisung.
  • Aufwand: 2 Wochen Stillstand, 3 Krisensitzungen, 10 böse E-Mails.
  • Kosten: Schnell 50.000 Euro und mehr.

Das Paradoxon: Wir feiern uns dafür, dass wir Szenario A (50 €) durch teure Software eliminiert haben. Aber wir akzeptieren Szenario B (50.000 €) als „normales Baustellenrisiko“. Das ist kein Risiko. Das ist Fahrlässigkeit in der Führung.


Die drei Arten der unsichtbaren Kollision

Wenn ich Teams in Großprojekten begleite (oft, wenn es schon knirscht), identifizieren wir meist drei Kategorien von „Soft Clashes“, die vorher niemand auf dem Radar hatte:

1. Der Ziel-Clash (Hidden Agendas)

Offiziell wollen alle „das Projekt erfolgreich abschließen“. Inoffiziell hat der Subunternehmer das Ziel, seine zu knapp kalkulierte Marge über Nachträge zu retten. Der Bauherr hat das Ziel, politisch gut dazustehen. Diese Ziele kollidieren massiv – aber unsichtbar.


2. Der Prozess-Clash (LOD vs. Realität)

Im Büro wird nach LOD 500 (höchster Detailgrad) modelliert. Draußen auf der Baustelle herrscht aber oft Chaos und Improvisation. Wenn der digitale Perfektionismus auf den analogen Zeitdruck trifft, entsteht Zynismus. Die Handwerker ignorieren das Tablet, weil „die im Büro eh keine Ahnung haben“. Das Modell wird zur Farce.


3. Der Ego-Clash (Status)

Wer hat recht? Der erfahrene Polier oder der junge BIM-Koordinator? In hierarchischen Strukturen werden Fehler oft vertuscht, um den Status nicht zu gefährden. Ein vertuschter Fehler im frühen Stadium ist eine Zeitbombe im Endstadium.


Die Lösung: Clash Prevention statt Clash Detection

Wir müssen aufhören, Zusammenarbeit dem Zufall zu überlassen. Wir brauchen eine „Human Clash Detection“.

Das bedeutet konkret: Bevor die Bagger anrollen (und idealerweise bevor die Verträge final sind), müssen die Schlüsselspieler in einen Raum. Nicht für ein technisches Kick-off, sondern für eine Simulation.

In meinen Workshops (siehe BIM-Kooperation) werfe ich Teams in Szenarien, in denen sie scheitern müssen, wenn sie nicht kooperieren.

  • Wir simulieren den Stress.
  • Wir provozieren den Interessenkonflikt.
  • Wir machen die „Soft Clashes“ sichtbar, solange sie noch kein Geld kosten.

Das Ziel ist eine Pre-Mortem-Analyse: Wir fragen nicht am Ende „Warum ist das Projekt gestorben?“, sondern wir fragen am Anfang: „Woran könnte es sterben?“ und lösen diese Konflikte präventiv.


Fazit: Bauen Sie das Team, bevor Sie das Haus bauen

Ein digitaler Zwilling ist wertlos, wenn das analoge Team zerstritten ist. BIM funktioniert nur, wenn die psychologische Sicherheit im Team so hoch ist, dass jemand sagen traut: „Hier läuft was falsch“, ohne Angst vor Repressalien zu haben.

Investieren Sie 10 % Ihres Software-Budgets in die Synchronisierung der Menschen. Es wird die beste Rendite sein, die Ihr Projekt je erwirtschaftet.