Das BIM-Paradoxon: Warum Herrschaftswissen den digitalen Zwilling tötet
Das „I“ ist das Problem Wenn wir über BIM (Building Information Modeling) sprechen, reden wir meistens über das „M“ – das Modellieren. Wir staunen über 3D-Visualisierungen, über parametrische Objekte und Drohnenflüge. Technisch haben wir das Bauen (B) und das Modellieren (M) im Griff. Doch das eigentliche Problem liegt in der Mitte. Es ist das „I“. Die Information.
Technologisch verspricht BIM totale Transparenz: Alle Informationen sind für alle Beteiligten jederzeit verfügbar (CDE – Common Data Environment). Psychologisch ist genau diese Transparenz für viele Akteure am Bau eine Bedrohung.
Warum scheitern so viele BIM-Projekte, obwohl die Software perfekt läuft? Weil wir versuchen, eine Technologie des Teilens in einer Kultur des Hortens einzuführen.

Die alte Währung: Information als Schutzschild
Um dieses Bim-Paradoxon zu verstehen, muss man die traditionelle Bau-DNA kennen. Ich habe sie in meiner Zeit bei Siemens und auf den Baustellen dieser Welt selbst eingeatmet. In der alten Welt war Information eine Währung.
- Der Planer hielt Details zurück, bis er sich 100 % sicher war, um nicht haftbar gemacht zu werden.
- Der Bauleiter behielt das Wissen über eine drohende Verzögerung für sich, um keine schlafenden Hunde zu wecken.
- Der Nachunternehmer schwieg über einen Fehler im Vor-Gewerk, um später eine lukrative Behinderungsanzeige stellen zu können.
Informationen wurden nicht geteilt, um das Projekt zu beschleunigen. Sie wurden dosiert, um den eigenen Hintern zu retten. Wir nannten das Strategie. Heute nenne ich es „Building Intransparency Modeling“.
Wenn Transparenz zur Waffe wird
Jetzt führen wir BIM ein. Plötzlich verlangt das System, dass wir Informationen in Echtzeit teilen – oft lange bevor sie „fertig“ oder „rechtssicher“ sind. Das digitale Modell ist gnadenlos ehrlich. Es zeigt jeden Fehler, jede Kollision, jeden Verzug sofort an.
Für eine Führungskraft oder einen Fachplaner, der in einer „Fehler-wird-bestraft“-Kultur groß geworden ist, löst das Panik aus. Die natürliche Reaktion? Rückzug in den Bunker.
- Daten werden erst im letzten Moment hochgeladen.
- Das Modell wird „frisiert“.
- Wichtige Absprachen finden wieder per Telefon statt, damit sie nicht im System auftauchen.
Das Ergebnis: Wir haben einen digitalen Zwilling, der perfekt aussieht, aber klinisch tot ist, weil ihm der Sauerstoff – die ehrliche Information – fehlt.
Die Kosten der Bunkermentalität
Dieses Festhalten an Herrschaftswissen ist nicht nur schlecht für die Stimmung. Es ist ein massiver Kostenfaktor. In meinen Workshops zur Projektkultur rechne ich das oft vor:
Was kostet es, wenn ein TGA-Planer eine unfertige Idee früh teilt und wir sie gemeinsam korrigieren? Vielleicht 2 Stunden Arbeitszeit.
Was kostet es, wenn er wartet, bis er „sicher“ ist, wir dann aber feststellen, dass die Statik das nicht trägt und der Beton schon bestellt ist? Zehntausende Euro und Wochen an Verzug.
Das Paradoxon ist: Wir sichern uns juristisch ab („Ich habe nichts Falsches rausgegeben“), aber wir fahren das Projekt wirtschaftlich gegen die Wand.
Die Lösung: Mut zur Lücke (LOD)
Wie brechen wir dieses Muster auf? Technik ist hier machtlos. Wir brauchen eine psychologische Vereinbarung über den Status von Informationen.
In der BIM-Methodik gibt es Status-Codes für Informationen. Wir müssen lernen, diese kulturell zu leben. Es muss erlaubt – ja sogar gefordert – sein, einen Plan als „Work in Progress“ zu teilen. Das Team muss verstehen: „Das hier ist ein Entwurf. Bitte schieß nicht mit dem Anwalt drauf, sondern hilf mir, ihn besser zu machen.“
Das erfordert einen massiven Wandel in der Führung:
- Weg vom „Bring-Prinzip“ (Ich schicke dir was, wenn ich will).
- Hin zum „Hol-Prinzip“ (Alles liegt auf dem Server, jeder darf gucken).
- Belohnung von Offenheit: Wer einen Fehler früh meldet, ist kein Versager, sondern ein Risikomanager.
Fazit: CDE braucht Vertrauen
Ein Common Data Environment (CDE) funktioniert nur, wenn es auch ein Common Trust Environment gibt. Solange Ihre Projektpartner Angst haben müssen, dass jede Information gegen sie verwendet wird, werden sie mauern.
BIM ist zu 10 % Software und zu 90 % Vertrauen. Wenn Sie wollen, dass die Daten fließen, müssen Sie zuerst die Angst aus dem Raum pumpen.
Haben Sie den Mut, unfertige Informationen zu teilen? Oder regieren Sie noch mit Herrschaftswissen?
Vom Herrschaftswissen zur echten Kooperation: Wie geht das praktisch?
Sie haben erkannt, dass fehlende Transparenz Ihr Projekt gefährdet? Der kulturelle Wandel von „Jeder gegen Jeden“ hin zu „Wir bauen gemeinsam“ passiert nicht durch einen Vertragsparagraphen. Er muss trainiert werden.
In meinem Artikel „BIM-Kooperation: Haltung statt Software“ stelle ich Ihnen ein konkretes Workshop-Konzept vor, mit dem Sie Auftraggeber und Auftragnehmer an einen Tisch holen – bevor die ersten Anwaltsbriefe geschrieben werden.
