„Ich mach das schnell selbst“ – Die teuerste Lüge der Führung
Es ist 08:30 Uhr. Sie kommen ins Büro. Eigentlich wollten Sie heute Vormittag an der Strategie für das nächste Jahr arbeiten. Die Tür geht auf: „Chef, der Kunde Meier ist am Telefon und beschwert sich.“ Zehn Minuten später: „Chef, die Lieferung aus Italien hängt fest, was sollen wir tun?“ Und kurz vor dem Mittagessen: „Chef, der Drucker im Vertrieb spinnt wieder.“
Um 18:00 Uhr gehen Sie nach Hause. Sie sind erschöpft. Sie haben 20 Probleme gelöst. Sie fühlen sich produktiv.
Aber ich muss Ihnen leider sagen: Sie waren heute nicht produktiv. Sie waren gefährlich für die Zukunft Ihres Unternehmens.

Der Rausch des Retters
Hand aufs Herz: Es fühlt sich gut an, gebraucht zu werden. Wenn es brennt und alle panisch herumlaufen, sind Sie der Fels in der Brandung. Sie greifen zum Feuerlöscher, geben drei klare Anweisungen, und das Problem ist vom Tisch. Das schüttet Dopamin aus. Sie spüren Ihre Wirksamkeit sofort.
Strategie-Arbeit hingegen ist zäh. Ergebnisse sieht man oft erst in Monaten. Mitarbeiter-Gespräche sind anstrengend. Da ist die „schnelle Lösung“ im Tagesgeschäft eine willkommene Ablenkung.
In meinem Führungskräfte Coaching nenne ich dieses Phänomen die „Feuerwehr-Falle“. Der Chef mutiert zum obersten Brandmeister. Sein Glaubenssatz: „Bis ich das erklärt habe, habe ich es dreimal selbst gemacht.“
Das mag in der Sekunde stimmen. Aber langfristig zahlen Sie dafür einen extrem hohen Preis.
Die drei tödlichen Kosten der Feuerwehr-Methode
Wenn Sie als Führungskraft ständig im operativen Klein-Klein stecken, richten Sie drei Schäden an, die Sie in der Bilanz nicht sofort sehen, die aber das Wachstum massiv bremsen:
1. Sie erziehen Ihr Team zur Unselbstständigkeit
Stellen Sie sich vor, Sie lernen einem Kind das Fahrradfahren. Aber jedes Mal, wenn das Rad ein bisschen wackelt, greifen Sie sofort in den Lenker. Wird das Kind jemals sicher fahren lernen? Nein. Wenn Ihre Tür immer offen ist und Sie jede Frage sofort beantworten, signalisieren Sie: „Ich denke für euch.“ Die fatale Folge: Ihre Mitarbeiter hören auf, eigene Lösungen zu suchen. Sie delegieren das Denken nach oben. Das nennt man „erlernte Hilflosigkeit“.
2. Sie werden zum Flaschenhals
Ich kenne Unternehmen, die könnten doppelt so schnell wachsen. Aber sie tun es nicht, weil jede Entscheidung – vom Büromaterial bis zur Projektfreigabe – über den Tisch des Inhabers muss. Ihr Tag hat nur 24 Stunden. Wenn Sie alles entscheiden, begrenzen Sie das Tempo des gesamten Unternehmens auf Ihre persönliche Arbeitsgeschwindigkeit. Sie sind der Engpass.
3. Die Zukunft findet nicht statt
Während Sie Brände löschen, baut der Wettbewerber das bessere Produkt. Während Sie die Spedition anrufen, verpassen Sie den technologischen Wandel. Der Satz „Operative Hektik ersetzt geistige Windstille“ ist alt, aber wahr. Wer im Unternehmen arbeitet, kann nicht am Unternehmen arbeiten.
Der Ausweg: Vom Löschen zum Leiten
Wie kommen Sie da raus? Der Weg führt nicht über besseres Zeitmanagement, sondern über eine andere Haltung. Sie müssen vom „besten Sachbearbeiter“ zur echten Führungskraft werden.
Das ist schmerzhaft. Denn Sie müssen aushalten, dass Dinge anfangs schieflaufen.
Die 80-Prozent-Regel
Perfektionismus ist der Feind der Delegation. Sie wissen, dass Sie die Aufgabe zu 100% perfekt lösen würden. Ihr Mitarbeiter schafft vielleicht nur 80%. Akzeptieren Sie das. Wenn diese 80% ausreichen, um das Ziel zu erreichen, dann lassen Sie es zu. Nur so kann der Mitarbeiter lernen, irgendwann auf 90% oder 100% zu kommen. Wenn Sie ihm die Aufgabe wegnehmen, bleibt er für immer bei 0%.
Das „Rückdelegieren“ stoppen
Ein Klassiker: Ein Mitarbeiter kommt mit einem Problem zu Ihnen. „Chef, wir haben da ein Problem mit dem Lieferanten.“ Ihr alter Reflex: „Okay, leg mir die Akte hin, ich kümmere mich.“ (Zack, Sie haben den „Affen“ auf der Schulter). Ihr neuer Reflex: „Ich verstehe. Was ist dein Vorschlag zur Lösung?“
Zwingen Sie Ihre Leute (wertschätzend) zum Denken. Geben Sie keine Antworten, stellen Sie Fragen.
- „Welche drei Optionen haben wir?“
- „Was würdest du tun, wenn ich heute krank wäre?“
- „Welche Entscheidung brauchst du von mir, damit du das lösen kannst?“
Konkrete Tipps für Ihre Woche
Wollen Sie den Feuerlöscher an den Nagel hängen? Fangen Sie klein an. Hier sind drei Schritte, die Sie ab morgen umsetzen können:
- Die 3-Minuten-Pause: Wenn jemand mit einem Problem instinktiv zu Ihnen kommt, antworten Sie nicht sofort. Atmen Sie durch. Fragen Sie: „Was hast du bisher unternommen, um das zu lösen?“
- Feste „Feuerwehr-Zeiten“: Blocken Sie sich Zeiten für „Deep Work“ (Strategie), in denen Sie nicht ansprechbar sind (außer das Gebäude brennt buchstäblich).
- Fehler feiern: Wenn ein Mitarbeiter eine Entscheidung trifft und einen Fehler macht – loben Sie die Entscheidung, bevor Sie den Fehler korrigieren. Nichts tötet Eigeninitiative schneller als ein Chef, der bei Fehlern den Kopf abreißt.
Fazit: Machen Sie sich überflüssig
Es klingt paradox, aber: Ihr Ziel als gute Führungskraft ist es, im Tagesgeschäft überflüssig zu sein. Ein Orchester-Dirigent rennt auch nicht während des Konzerts zur Tuba, um dort schnell mal reinzupusten, weil der Tubist gerade schief spielt. Er steht vorne und sorgt für den Takt und das Zusammenspiel.
Trauen Sie Ihrem Team mehr zu. Halten Sie die Hände still, auch wenn es juckt. Am Ende des Tages werden Sie vielleicht weniger „erledigt“ haben – aber Sie haben mehr erreicht.
