Warum Erfolg oft Stille bedeutet (und wie Sie das ändern)
Es ist 19:00 Uhr. Das Großraumbüro ist dunkel. Nur in Ihrem Eckbüro brennt noch Licht. Vor Ihnen liegt eine Entscheidung, die über die Zukunft von 50 Arbeitsplätzen bestimmt. Sie schauen in Ihr Telefonbuch. Wen rufen Sie an?
Ihren Vertriebsleiter? Nein, der ist direkt betroffen. Ihren alten Studienfreund? Der versteht die Branche nicht. Ihre Partnerin? Die wollen Sie nicht schon wieder belasten.
In diesem Moment wird Ihnen eine unbequeme Wahrheit klar: Sie sind umgeben von Menschen, und trotzdem sind Sie völlig allein.

Das Paradoxon des Aufstiegs
Es ist ein seltsames Phänomen: Je mehr Verantwortung Sie tragen, desto mehr Menschen hören Ihnen zu. Aber desto weniger Menschen sprechen wirklich mit Ihnen.
Als Sie noch Abteilungsleiter waren, konnten Sie mit den Kollegen in der Kaffeeküche über „die da oben“ schimpfen. Sie hatten Verbündete. Jetzt sind Sie „die da oben“.
Diese Distanz ist notwendig. Sie können als Chef nicht „Best Buddy“ mit jedem sein, wenn Sie morgen vielleicht harte Personalentscheidungen treffen müssen. Professionalität erfordert Distanz. Aber der Preis dieser Distanz ist Isolation. Und diese Isolation ist gefährlich – nicht nur für Ihre Psyche, sondern für Ihr Unternehmen.
Die drei Gefahren der Isolation
Wenn niemand mehr da ist, der Ihnen auf Augenhöhe widerspricht, tappen Sie schnell in Fallen, die Sie früher bei anderen belächelt haben.
1. Die Echokammer (Der „Ja-Sager“-Effekt)
Je mächtiger Sie werden, desto seltener hören Sie ein echtes „Nein“. Ihre Mitarbeiter wollen gefallen oder haben Angst um ihre Karriere. Wenn Sie einen schlechten Witz machen, lachen alle. Wenn Sie eine mittelmäßige Idee haben, nicken alle. Ohne Korrektiv beginnen Sie, Ihre eigene Unfehlbarkeit zu glauben. Das ist der Beginn fataler Fehlentscheidungen.
2. Der emotionale Stau
Führung ist Schauspiel. Sie müssen Zuversicht ausstrahlen, auch wenn Ihnen der Kunde gerade abgesprungen ist. Sie müssen ruhig bleiben, wenn die Bank Druck macht. Das ist Ihr Job. Aber wohin mit dem Druck, der Angst, dem Zweifel? Wer keine Ventilfunktion hat, bei dem frisst sich der Stress nach innen. Schlafstörungen, Zynismus oder gesundheitliche Probleme sind oft die Folge.
3. Betriebsblindheit
Sie kennen Ihr Unternehmen in- und auswendig. Das ist gut. Aber Sie sehen oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ihnen fehlt der unverstellte Blick von außen, der naive Fragen stellt wie: „Warum machen wir das eigentlich immer noch so?“
Die Lösung: Sie brauchen keinen Freund, Sie brauchen einen Sparringspartner
Viele Geschäftsführer versuchen, diese Lücke privat zu füllen. Sie laden ihren Frust beim Ehepartner ab. Das belastet die Beziehung und hilft in der Sache selten weiter, weil dem Partner der fachliche Kontext fehlt.
Was Sie brauchen, ist kein Tröster, sondern ein Sparringspartner.
Im Profisport ist das völlig normal. Kein Weltmeister trainiert allein. Er hat jemanden, der:
- Nicht selbst im Ring steht (Neutralität).
- Ihn hart trifft, damit er besser wird (Widerstand).
- Zu 100% auf seiner Seite steht (Loyalität).
Was ein externer Coach leistet, was Mitarbeiter nicht können
In meinem Führungskräfte Coaching erlebe ich oft, dass Klienten in der ersten Stunde einfach nur froh sind, „offen reden“ zu können. Hier ist der Raum, in dem Sie:
- Zweifel äußern dürfen, ohne als schwach zu gelten.
- Ideen testen können, bevor sie offiziell werden.
- Widerspruch bekommen, der nicht politisch motiviert ist.
Ein Coach ist nicht von Ihrem Gehaltsscheck oder Ihrer Beförderung abhängig. Er hat den Luxus, Ihnen die Wahrheit sagen zu können.
3 Wege aus der Einsamkeit
Warten Sie nicht, bis der Druck unerträglich wird. Bauen Sie sich aktiv ein Netzwerk auf Augenhöhe auf.
- Suchen Sie sich Peers: Gehen Sie zu Unternehmer-Treffen oder Branchen-Veranstaltungen. Nicht, um Kunden zu akquirieren, sondern um andere Geschäftsführer zu finden. Das Gefühl „Den anderen geht es genauso“ ist enorm entlastend.
- Installieren Sie einen „Advocatus Diaboli“: Bestimmen Sie bei wichtigen Meetings bewusst jemanden, dessen Aufgabe es ist, Gegenargumente zu finden. Legitimieren Sie den Widerspruch.
- Holen Sie sich einen Profi: Investieren Sie in einen Executive Coach oder Sparringspartner. Sehen Sie das nicht als „Nachhilfe“, sondern als Hygiene-Faktor für Ihre geistige Klarheit.
Fazit: Stärke heißt, sich Hilfe zu organisieren
Der Mythos vom „einsamen Wolf“ an der Spitze ist romantisch, aber in der modernen Wirtschaftswelt ineffektiv. Einsame Wölfe treffen schlechtere Entscheidungen. Kluge Führer sorgen dafür, dass sie ein Rudel haben – oder zumindest einen verdammt guten Sparringspartner.
Wann haben Sie das letzte Mal mit jemandem gesprochen, der Ihnen wirklich die Wahrheit gesagt hat?
