Das Mitarbeitergespräch – oder: Warum wir einmal im Jahr Theater spielen

Irgendwann habe ich meiner Chefin einen Vorschlag gemacht.

„Lass uns das Mitarbeitergespräch dieses Jahr per E-Mail führen. Du schickst mir deine Einstufung, ich unterschreibe den Zettel. Wir sparen uns beiden das Schauspiel.“

Sie hat das nicht lustig gefunden. Ich meinte es ernst.

Das ganze Jahr über hatten wir ein tolles Team. Fast täglich die Bestätigung, wie wertvoll jeder Einzelne ist. Dann kam der Dezember – und man bekam dermaßen auf die Fresse, dass man es nicht mehr einordnen konnte. Nicht wegen schlechter Arbeit. Sondern weil das System seinen Rhythmus hatte. Einmal im Jahr wird abgerechnet.

Ich war damals selbst Spezialist in der Personalabteilung. Ich kannte das System von innen. Und ich fand es trotzdem nicht weniger absurd.

Symbolbild für das Theater im Mitarbeitergespräch: Holzfiguren auf einer Bühne unter Scheinwerferlicht – Coaching Harald Braun.

Das Versprechen: Augenhöhe statt Theater im Mitarbeitergespräch

Das Mitarbeitergespräch soll ein geschützter Raum sein. Rückblick auf das vergangene Jahr. Blick nach vorne. Feedback in beide Richtungen. Entwicklung. So steht es in jedem Leitfaden.

Feedback in beide Richtungen – das klingt nach Augenhöhe.

Aber schauen Sie sich an, was mit diesem Feedback passiert: Das Gesprächsprotokoll landet in der Personalakte des Mitarbeitenden. Die Rückmeldung, die der Mitarbeitende der Führungskraft gibt, landet – meistens nirgendwo.

Das ist kein kleines Detail. Das ist die strukturelle Wahrheit hinter dem Versprechen. Augenhöhe wird behauptet. Das System ist einseitig. Warum echter Austausch psychologische Sicherheit voraussetzt – und wie diese entsteht – habe ich hier beschrieben: Offene Tür und psychologische Sicherheit

Es gibt separate Instrumente für die Bewertung von Führungskräften – 360-Grad-Feedback, bei dem Mitarbeitende, Kollegen, manchmal auch Kunden und Lieferanten zu Wort kommen. Das ist ein eigenes Thema, das ich hier bewusst ausklammere. Aber es lohnt sich, es zu kennen – weil es zeigt, dass der Unterschied zwischen den Ebenen kein Zufall ist.


Was das System aus dem Gespräch macht

Ich habe das Mitarbeitergespräch aus vielen Perspektiven erlebt. Als Mitarbeitender. Als Führungskraft. Als Senior Referent Personalentwicklung, der es in einem Unternehmen eingeführt hat. Als jemand, der den Prozess in einem anderen Unternehmen digitalisiert hat.

Und ich habe dabei immer wieder dieselben Wirkungskiller beobachtet.

Die Koppelung an Geld.
Wenn das Gespräch über Entwicklung gleichzeitig die Verhandlung über Bonus oder Gehaltserhöhung ist, hört niemand mehr wirklich zu. Der Fokus liegt auf der Zahl. Nicht auf der Reflexion. In manchen Unternehmen wurde erst geschaut, wie viel Bonus-Budget vorhanden ist – und dann rückwärts bewertet, wer es bekommt. Wer lange nichts bekommen hatte. Oder wer gerade in besonderer Gunst stand. Das ist keine Leistungsbewertung. Das ist Budgetverwaltung.

Die Schulnoten-Logik.
Man hat sich das ganze Jahr angestrengt wie ein Weltmeister. Geliefert. Im Gespräch gibt es eine Drei. „Befriedigend.“ Die Führungskraft versteht nicht, warum das nicht als gute Note empfunden wird. Ich habe das in der Schule anders gelernt.

Der Tag der Abrechnung.
Viele Führungskräfte schweigen das ganze Jahr – und nutzen das Mitarbeitergespräch, um alles auf einmal loszuwerden, was sich angestaut hat. Monate alte Fehler. Kritik, die längst hätte besprochen werden müssen. Das ist nicht Feedback. Das ist eine Jahresrechnung, die niemand erwartet hat.

Man kann es den Mitarbeitenden ansehen, wenn die Zeit der Jahresgespräche naht. Wochen vorher werden sie unruhig. Danach brauchen manche erst einmal zwei Wochen, um sich davon zu erholen. Wenn das die Wirkung eines Gesprächs ist, läuft etwas grundlegend falsch.


Was der Name verrät

In den letzten Jahren sind viele neue Bezeichnungen aufgetaucht. Performance Dialog. Entwicklungsgespräch. Jahresgespräch. Feedbackgespräch. Die Fantasie der HR-Abteilungen kennt keine Grenzen.

Aber Namen sind nicht neutral. Sie verraten eine Haltung.

Ein „Performance Dialog“ klingt modern und dynamisch. Er sagt aber auch: Es geht um die Leistung. Nicht um den Menschen dahinter. Das ist eine Aussage. Keine schlechte – aber eine ehrliche. Wer diesen Namen wählt, sollte sich bewusst sein, was er kommuniziert.

Ein „Entwicklungsgespräch“ setzt den Fokus besser. Es verspricht, dass es um den Menschen und seine Zukunft geht. Aber es ist trotzdem nur eine Worthülse, wenn der Prozess dahinter nicht stimmt.

Wenn die Leistung dauerhaft nicht stimmt, wird aus dem Entwicklungsgespräch schnell ein anderes Gespräch – über das, was nicht funktioniert. Wie man als Führungskraft mit dauerhafter Minderleistung umgeht, habe ich in diesem Artikel beschrieben: Kann nicht. Darf nicht. Will nicht. – Was hinter Low Performance wirklich steckt


Was in ein gutes Gespräch gehört – und was nicht

Ein Mitarbeitergespräch, das seinen Namen verdient, braucht klare Inhalte und klare Grenzen.

Was hineingehört:

Rückblick auf das vergangene Jahr – gemeinsam, nicht einseitig. Was war geplant, was wurde erreicht, was nicht – und warum?

Feedback in beide Richtungen – auch wenn nur eine Seite dokumentiert wird, sollte die andere Seite trotzdem gehört werden. Was hat die Führungskraft gut gemacht? Was hat die Zusammenarbeit erschwert? Wie Feedback als Führungsinstrument wirklich funktioniert, beschreibe ich in diesem Beitrag.

Rahmenbedingungen – Was hat die Arbeit behindert? Was braucht der Mitarbeitende, um sein Bestes geben zu können?

Entwicklung – Wo soll die Reise hingehen? Welche Kompetenzen sollen gestärkt werden? Was sind die nächsten Schritte?

Was nicht hineingehört:

Die Gehaltsverhandlung. Trennen Sie das zeitlich. Solange Geld im Raum ist, kann kein echtes Gespräch über Entwicklung stattfinden. Jeder sitzt auf seinem Stuhl und kalkuliert. Das ist kein Gespräch, das ist Verhandlungspoker.


Das Gespräch ist nicht der Prozess

Der wichtigste Satz in diesem Artikel ist dieser: Ein gutes Jahresgespräch enthält keine Überraschungen. Für keine Seite.

Wenn Sie im Dezember Dinge ansprechen, die im März passiert sind, haben Sie als Führungskraft neun Monate geschwiegen. Das ist kein Feedback mehr. Das ist eine Abrechnung.

Echte Führung passiert unterjährig. Kurze, regelmäßige Gespräche. Feedback direkt nach einem Projekt. Ein kurzes Check-in nach einer schwierigen Situation. Das kostet wenig Zeit und baut das Vertrauen auf, das ein Jahresgespräch niemals alleine herstellen kann. Wie Kommunikation als Führungsinstrument im Alltag funktioniert, habe ich hier beschrieben: Kommunikation als Führungsinstrument

Wenn Sie das ganze Jahr über klar kommunizieren, ist das Jahresgespräch keine große Sache mehr. Es ist die Zusammenfassung von Dingen, die ohnehin klar sind. Ruhig. Ohne Drama. Ohne Wochen der Unruhe davor.


Führen Sie Menschen – oder bedienen Sie das System?

Ein Theater im Mitarbeitergespräch, das nur stattfindet, weil HR die Formulare braucht, richtet mehr Schaden an als gar keines. Es zerstört Vertrauen. Es erzeugt Zynismus. Es macht aus einem Werkzeug der Führung eine Pflichtübung der Verwaltung.

Stellen Sie sich eine einfache Frage: Würde Ihr Mitarbeitender das Protokoll auch dann unterschreiben, wenn kein Bonus daran hängen würde?

Wenn ja – haben Sie nicht nur das System bedient. Sie haben wirklich geführt.


Ich begleite Unternehmer, Geschäftsführer und Führungskräfte dabei, aus Pflichtgesprächen echte Führungsinstrumente zu machen. Praxisnah, direkt, ohne Consulting-Jargon.