Der Unabkömmlichkeits-Mythos:
Warum Ihre Abwesenheit das größte Geschenk für Ihr Team ist.

Kennen Sie dieses Gefühl kurz vor dem Sommerurlaub? Die Koffer sind gepackt, die Out-of-Office-Notiz ist getippt. Aber im Magen sitzt dieser kleine, fiese Knoten. Die Stimme im Kopf flüstert: „Hoffentlich bricht der Laden nicht zusammen, wenn ich weg bin.“
Und was tun wir? Wir schreiben in die Abwesenheitsnotiz diesen verhängnisvollen Satz: „In dringenden Notfällen bin ich mobil erreichbar.“ Wir nehmen den Laptop mit an den Strand. Wir bleiben im Loop. Nur zur Sicherheit.
Viele Führungskräfte – egal ob Konzernlenker oder Geschäftsführerin im Mittelstand – tragen ihre Unabkömmlichkeit wie eine Art Tapferkeitsmedaille vor sich her. „Ohne mich geht es halt nicht“, seufzen sie. Halb erschöpft, halb stolz.
Doch als systemischer Coach muss ich Ihnen heute eine unbequeme Wahrheit zumuten:
Unabkömmlichkeit ist keine Auszeichnung für Ihre Wichtigkeit.
Sie ist ein Systemfehler Ihrer Organisation.
Wenn ein Unternehmen ins Straucheln gerät, nur weil eine einzelne Person für zwei Wochen fehlt, dann ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen für maximale Fragilität.
Die Geschichte von Elena: Die Qualitäts-Falle
Lassen Sie uns auf Elena schauen (Name geändert), eine meiner Klientinnen. Elena führt eine sehr erfolgreiche Agentur mit 25 Mitarbeitenden. Ihr Anspruch: Perfektion. Jedes Konzept, das rausging, lief über ihren Tisch. Sie nannte es „Qualitätssicherung“. Ihr Team nannte es „Nadelöhr“.
Elenas Glaubenssatz war tief verankert: „Niemand macht es so gründlich wie ich.“ Das Ergebnis? Ihre Mitarbeiter hörten auf, selbst Verantwortung für die letzte Meile zu übernehmen. Warum auch? „Chefin korrigiert es ja eh noch mal.“ Elena hatte unbewusst eine „erlernte Hilflosigkeit“ in ihrem Team kultiviert.
Dann kam der Moment der Wahrheit: Elena plante eine dreiwöchige Trekking-Tour. Ohne Empfang. Die Wochen vor der Abreise waren geprägt von Panik. Doch als sie zurückkam, fand sie kein brennendes Büro vor. Sie fand ein Team vor, das gewachsen war. In ihrer Abwesenheit mussten die Projektleiter Entscheidungen treffen. Sie konnten nicht auf Elenas „Ok“ warten. Und siehe da: Die Konzepte waren gut. Anders als Elenas Stil, aber gut.
Indem Elena (gezwungenermaßen) aus dem Weg trat, schuf sie Raum, den ihr Team endlich ausfüllen konnte.

Der psychologische Preis der Unabkömmlichkeit
Warum fällt uns das Loslassen so schwer? Systemisch betrachtet hat Unabkömmlichkeit oft eine versteckte Funktion für die Führungskraft selbst: Validierung.
Solange wir gebraucht werden, fühlen wir uns sicher und wertvoll. Der Gedanke „Es läuft auch ohne mich“ kratzt am Ego. Er löst eine existenzielle Frage aus: „Wenn ich nicht mehr Feuer löschen muss – was ist dann eigentlich mein Job?“
Die Antwort lautet: Ihr Job ist nicht mehr das operative Löschen. Ihr Job ist das strategische Bauen. Nur wer im Tagesgeschäft überflüssig ist, hat den Kopf frei für die Zukunft des Unternehmens.
Systemische Theorie: Redundanz schafft Resilienz
In der Technik ist ein System dann robust (resilient), wenn der Ausfall einer Komponente nicht zum Absturz führt. Das nennt man Redundanz. Führen Sie Ihr Team so, dass Sie kein „Single Point of Failure“ sind. Eine Führungskraft, die sich selbst überflüssig macht, hat die höchste Stufe der Leadership-Reife erreicht.
Der Urlaubs-Test: So nutzen Sie den Sommer als Reifeprüfung
Betrachten Sie Ihren kommenden Sommerurlaub nicht als „Flucht“, sondern als Stresstest für die SelbstorganisationIhrer Mannschaft. Hier sind drei Schritte, wie Sie das vorbereiten:
1. Delegieren Sie Entscheidungen, nicht nur Aufgaben
Die meisten Übergaben scheitern hieran: „Wenn Kunde X anruft, sag ihm Y.“ Das ist Mikromanagement per Fernsteuerung. Delegieren Sie stattdessen das Mandat:
- „Ihr habt das Budget von X Euro. Entscheidet selbst.“
- „Wenn es um Kulanz geht: Ich vertraue eurem Urteil. Wir schauen es uns an, wenn ich zurück bin – aber ich mache eure Entscheidung nicht rückgängig.“ Das schafft echtes Wachstum.
2. Definieren Sie den „echten“ Notfall
Löschen Sie die Hintertür aus Ihrer Abwesenheitsnotiz. Definieren Sie stattdessen intern glasklar, was ein Notfall ist.
- Ein Server-Ausfall, der den Betrieb lahmlegt? -> Anrufen.
- Ein Kunde ist unzufrieden? -> Kein Notfall. Löst es.
- Eine Frist läuft ab? -> Kein Notfall. Hättet ihr früher klären müssen.
3. Die Rückkehr-Strategie (Wertschätzung statt Kontrolle)
Wenn Sie wiederkommen, machen Sie nicht den Fehler, sofort alles kontrollieren zu wollen („Zeig mir mal alle CC-Mails“). Das signalisiert Misstrauen. Fragen Sie stattdessen beim ersten Kaffee: „Welche Entscheidung habt ihr getroffen, auf die ihr stolz seid?“ Bestärken Sie das Team darin, dass das Schiff auch ohne Kapitän auf Kurs blieb.
Fazit: Trauen Sie sich, loszulassen
Ein Fußballteam, das nur gewinnt, wenn der Spielmacher am Ball ist, wird nie Meister. Echte Klasse zeigt sich, wenn das System auch dann trägt, wenn die Star-Besetzung pausiert.
Schenken Sie Ihrem Team diesen Sommer das Vertrauen, es allein zu können. Es ist das größte Kompliment, das Sie Ihren Mitarbeitern machen können. Und das größte Geschenk an Ihre eigene Erholung.
Ich wünsche Ihnen einen entspannten Sommer!
Ihr Harald Braun
