Wie der Rollenwechsel gelingt (ohne den Respekt zu verlieren)
Freitagabend saßen Sie noch mit den Kollegen beim Bier und haben über die neue Strategie der Geschäftsführung gewitzelt. Montagfrüh kommen Sie ins Büro – und plötzlich sind Sie derjenige, der diese Strategie durchsetzen muss.
Der Aufstieg vom Kollegen zum Vorgesetzten ist einer der härtesten Karriereschritte überhaupt. Denn Sie wechseln nicht das Unternehmen, Sie wechseln „nur“ den Stuhl. Aber dieser Stuhl verändert alles.
Viele scheitern hier. Nicht an der Fachkompetenz, sondern an der „Kumpel-Falle“.

Das Dilemma: „Ich bin doch immer noch der Gleiche“
Das ist der Satz, den ich von frisch gebackenen Führungskräften am häufigsten höre. „Ich will mich nicht verstellen. Ich bleibe einer von euch.“ Das klingt sympathisch. Es ist aber eine Lüge.
Natürlich sind Sie als Mensch noch der Gleiche. Aber Ihre Funktion ist eine völlig andere.
- Früher war Ihr Job, Ihre Aufgaben zu erledigen.
- Heute ist Ihr Job, dafür zu sorgen, dass andere ihre Aufgaben erledigen.
- Früher durften Sie mitlästern.
- Heute sind Sie loyal zur Unternehmensleitung verpflichtet.
Wer versucht, „Everybody’s Darling“ zu bleiben, wird schnell zu „Everybody’s Depp“. Denn wenn Sie Konflikte aus Angst vor schlechter Stimmung vermeiden, verlieren Sie das Wichtigste, was eine Führungskraft braucht: Respekt.
Die drei typischen Fehler beim Aufstieg
In meinem Führungskräfte Coaching sehe ich immer wieder dieselben Stolpersteine:
1. Die Entschuldigungs-Haltung
„Sorry Leute, ich muss euch das jetzt sagen, die da oben wollen das so…“ Damit machen Sie sich klein. Sie signalisieren: „Ich stehe gar nicht hinter meiner Rolle.“ Das Team merkt sofort, dass Sie nicht führen, sondern nur weiterleiten. Sie werden zur „lahmen Ente“.
2. Der „Sheriff-Modus“
Aus Unsicherheit machen manche genau das Gegenteil: Sie werden übertrieben streng. Sie pochen auf Hierarchie, um Distanz zu schaffen. „Ich bin jetzt hier der Chef.“ Das wirkt bei Menschen, die Sie seit Jahren kennen, lächerlich und arrogant. Es provoziert Widerstand.
3. Die Bevorzugung alter Freunde
Natürlich haben Sie zu manchen Kollegen einen besseren Draht (oder sind privat befreundet). Wenn das Team aber das Gefühl hat, dass „der Thomas“ sich alles erlauben darf, nur weil er mit dem Chef Tennis spielt, ist das Gift für die Moral.
Die Lösung: Klarheit durch das „Umstiegs-Gespräch“
Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Nähe und notwendiger Distanz? Nicht durch Arroganz, sondern durch Rollenklarheit.
Sie müssen das Schweigen brechen. Warten Sie nicht darauf, dass sich die Dinge „einspielen“. Führen Sie mit jedem direkten Kollegen ein kurzes 4-Augen-Gespräch.
So könnte das klingen:
„Wir haben lange als Kollegen zusammengearbeitet und das war super. Jetzt habe ich eine neue Rolle. Das heißt, ich muss ab heute auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen oder Feedback geben, wenn etwas nicht läuft. Das mache ich nicht, um dich zu ärgern, sondern weil das mein neuer Job ist. Ich hoffe, wir kriegen das professionell hin. Was brauchst du von mir, damit das klappt?“
Damit machen Sie das „Elefanten im Raum“ sichtbar. Sie zeigen: Ich nehme meine Rolle ernst, aber ich schätze dich als Mensch.
Praktische Tipps für den Alltag
- Das „Du“ bleibt, die Themen ändern sich: Viele fragen mich: „Muss ich meine Kumpels jetzt siezen?“ Nein. Das wirkt albern. Bleiben Sie beim „Du“, aber ändern Sie die Inhalte. Trennen Sie strikt zwischen „Bierchen am Abend“ (privat) und „Meeting am Morgen“ (beruflich).
- Rückzug aus der Gerüchteküche: Sie können nicht mehr Teil der Läster-Runde in der Kaffeeküche sein. Wenn über die Firma oder Mitarbeiter hergezogen wird, müssen Sie gehen oder das Thema wechseln. Das ist der Preis der Führung: Ein gewisses Maß an Einsamkeit gehört dazu.
- Behandeln Sie alle gleich: Seien Sie besonders wachsam bei Ihren alten Freunden. Im Zweifel müssen Sie hier sogar strenger auf Professionalität achten, um den Verdacht der Bevorzugung gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Fazit: Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb
Akzeptieren Sie, dass Sie in Ihrer neuen Rolle vielleicht nicht mehr von jedem gemocht werden. Das ist okay. Sie werden nicht dafür bezahlt, geliebt zu werden. Sie werden dafür bezahlt, Ergebnisse zu erzielen und fair zu sein. Wahre Freunde werden Ihren Aufstieg unterstützen. Die anderen waren vielleicht nur Zweckgemeinschaften.
Der Weg vom Kollegen zum Chef ist ein Reifeprozess. Er erfordert Mut zur Kante. Aber wenn Sie ihn meistern, werden Sie vom „netten Kumpel“ zur „respektierten Führungspersönlichkeit“.
